16. März 2017

Jahresvortrag der Gesellschaft für Westfälische Wirtschaftsgeschichte

Wem gehört die Schönheit?
„Kunst als Beute“ – darüber sprach die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy beim Jahresvortrag der Gesellschaft für Westfälische Wirtschaftsgeschichte (GWWG), der Fördergesellschaft der Stiftung Westfälisches Wirtschaftsarchiv, in der Industrie- und Handelskammer zu Dortmund. Mit Bénédicte Savoy konnte IHK-Präsident Heinz-Herbert Dustmann bereits den 5. Preisträger des renommierten Leibniz-Preises, dem wichtigsten deutschen Wissenschaftspreis, in der traditionsreichen Vortragsreihe begrüßen. Besonders freute er sich über das einleitende Statement der Rednerin „Dortmund ist eine ehrliche Stadt“. So schilderte die gebürtige Französin ihren Eindruck vom ersten Besuch in der Ruhrgebietsmetropole.
Bénédicte Savoy, die ihren wissenschaftlichen Mittelpunkt in Paris und Berlin gefunden hat, ist Professorin für Kunstgeschichte der Moderne am Institut für Kunstwissenschaft und Historische Urbanistik an der TU Berlin. Sie beschäftigt sich in ihren Forschungsvorhaben unter anderem intensiv mit dem Themenkomplex globaler Kunstraub, Kunstmarkt und Provenienz.
Der reich bebilderte Vortrag zeigte eindrücklich, dass nicht nur im 20. Jahrhundert flächendeckend Kunstraub betrieben wurde. Auch in der Antike, dem Dreißigjährigen Krieg und der Napoleonischen Zeit wurden Tausende von Kulturobjekten – von Büchern, Kunstwerken bis hin zu Archivalien – verschleppt. Bénédicte Savoy thematisierte die kulturhistorische Bedeutung dieser massiven und nicht rückgängig gemachten Aneignung von Kulturgütern fremder Völker und gab tiefgreifende Antworten auf spannende Fragen: Wem gehört die Schönheit?
Gibt es nationalen Kulturbesitz? Oder sind vielleicht die Museen und Länder, die von den massiven Verlagerungen von Kulturerbe profitieren, nicht die provisorischen Hüter eines gemeinsamen Erbes der Menschheit geworden?
WWA-Direktor Dr. Karl-Peter Ellerbrock fasste zusammen, dass Kunstraub keine genuine Hervorbringung des Nationalsozialismus war, sondern tief in der europäischen Kulturgeschichte verankert ist. Es ist auch klar geworden, dass die Beschäftigung mit dem Thema über die Restitution nationalsozialistischer Kunstraube hinausgehen und die Verantwortung Europas im Umgang mit in der Kolonialzeit „erworbenen“ Kunstschätzen in den Blick nehmen muss.
Auf das „beeindruckende Oeuvre und Profil“ von Bénédicte Savoy wies Joachim Punge, Vorsitzender der Gesellschaft für Westfälische Wirtschaftsgeschichte, in seiner Begrüßung hin. 2013 wurde die Wissenschaftlerin „Ritter des nationalen Verdienstordens“ in Frankreich und 2015 Preisträgerin des „Prix du Rayonnement de la langue et de la littérature française“ der Académie française. Jüngst ist sie an das Collège de France berufen worden. Savoy war auch an der im Jahr 2010 in der Kunsthalle Bonn zu sehenden Ausstellung „Napoleon und Europa. Traum und Trauma“ beteiligt. Unter anderem veröffentlichte die Wissenschaftlerin: Kunstraub. Napoleons Konfiszierungen in Deutschland und die europäischen Folgen (2010); Nofretete, eine deutsch-französische Affäre, 1913-1931 (2011); Tempel der Kunst. Die Geburt des öffentlichen Museums in Deutschland 1701-1815 (2015).
20. März 2017