GENERATIONSWECHSEL IN UNTERNEHMEN
Report zur Unternehmensnachfolge 2011
Schlaglichter aus dem Bericht des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK)
- Grundlegende Informationen stärker nachgefragt
Fast 11.000 Unternehmer und Existenzgründer informierten sich 2010 bei IHK-Veranstaltungen zur Unternehmensnachfolge – 32 Prozent mehr als im Vorjahr. Hauptgrund: Viele Senior-Unternehmer wollten sich grundlegend über den Übergabeprozess informieren, Existenzgründer erkundeten die Möglichkeiten, ein Unternehmen zu übernehmen. Trotz der höheren Bereitschaft, sich mit dem Thema zu beschäftigen, trat die konkrete Übergabeplanung aufgrund der deutlich besseren konjunkturellen Lage in 2010 hinter die Anforderungen des Tagesgeschäfts zurück. So sank die Zahl der vermittelten Unternehmen um 14 Prozent auf 900, die Zahl der Beratungsgespräche mit Senior-Unternehmern auf 4.000, nach etwa 4.800 im Vorjahr. Trotz des in 2010 allgemein steigenden Gründungsinteresses verzeichneten die IHKs auch einen Rückgang bei Gesprächen mit potentiellen Nachfolgern. Hierzu führten die IHKs mehr als 6.400 Gespräche mit übernahmeinteressierten Existenzgründern, nach 8.400 im Vorjahr. Offensichtlich bezieht sich das von den IHKs registrierte steigende Gründungsinteresse weniger auf die Übernahme vorhandener Betriebe als eher auf Neugründungen.
- Finanzierung bleibt Hemmnis Nummer 1 für Nachfolger
Auch in 2010 beobachteten die IHKs bei 59 Prozent der nachfolgeinteressierten Existenzgründer Finanzierungsprobleme. Eine Unternehmensnachfolge ist in der Regel eine Transaktion mit großem Fremdfinanzierungsanteil und hoher Komplexität. Sie birgt Risiken sowohl für den Nachfolger als auch für die Finanzierungspartner. Auch wenn sich die allgemeine Finanzierungssituation leicht verbessert hat, mehren sich aktuell die Vorboten künftiger Regulierungen wie Basel III durch höhere Zinssätze oder mehr Sicherheiten. Kreditinstitute und Finanzierungspartner sind aufgerufen, bei der Unternehmensnachfolge die Perspektiven des Betriebs stärker zu berücksichtigen.
- „Fachkraft Chef“ gesucht! – Nachfolger unterschätzen Anforderungen
Die IHKs berichten, dass fast jeder dritte Nachfolger nur unzureichend qualifiziert ist und fast jeder zweite die Anforderungen der Unternehmensübernahme unterschätzt - besorgniserregend, da sich dieser Trend seit Jahren verstärkt. Dies schlägt sich auch in den Chancen nieder, ein passendes Unternehmen zu finden. Mehr als 45 Prozent der nachfolgeinteressierten Existenzgründer finden kein passendes Unternehmen, 37 Prozent der Senior-Unternehmer keinen passenden Nachfolger.
- Erbschaftsteuer: Potenzielle Nachfolger sehen darin größeres Hindernis als 2008
Die Regelungen, nach denen Unternehmer ganz oder teilweise von der Erbschaftsteuer befreit werden, entsprechen bei weitem nicht der betriebswirtschaftlichen Realität. Insbesondere die Lohnsummenregelung bzw. die Behaltefristen, die eine Fortführung des Unternehmens mit fast gleichbleibender Lohnsumme und Unternehmensstruktur über einen Zeitraum von fünf oder sieben bzw. zehn Jahren verlangen, sind kaum praktikabel. Aufgrund steigender Unternehmenswerte und der für viele Nachfolger schwierigen Finanzierungssituation gewinnt dieses Thema bei den Nachfolgern wieder an Bedeutung. Nach den IHK-Erfahrungen ist die Erbschaftsteuer für 19 Prozent der potenziellen Nachfolger ein Hemmnis bei der Nachfolge. 2008 lag dieser Wert noch bei 16 Prozent.
- Mehr als 46 Prozent unterschätzen Dauer des Nachfolgeprozesses
Die IHK-Experten berichten, dass der Nachfolgeprozess durchschnittlich drei Jahre in Anspruch nimmt. Mehr als 80 Prozent der Senior-Unternehmer wünschen eine Nachfolge innerhalb dieses Zeitraums – das ist knapp kalkuliert. Jeder fünfte strebt eine Übergabe innerhalb eines halben Jahres an, jeder zweite innerhalb eines Jahres. Da der Nachfolgeprozess sowohl für den Senior- Unternehmer als auch für den Nachfolger zumeist lang und extrem komplex ist, sollte die Übergabe weitsichtig vorbereitet und ohne zeitlichen Druck angegangen werden. Dies verhindert unangenehme Überraschungen auf beiden Seiten.
- Preisvorstellungen weiter auseinander als im Vorjahr
Der konjunkturelle Aufschwung führte bei vielen Betrieben zu einer Erholung der Unternehmenswerte. Viele Senior- Unternehmer reagierten hierauf und stehen dem Verkauf des Unternehmens insgesamt etwas positiver gegenüber (23 Prozent). Mehr als 41 Prozent der Senior-Unternehmer gehen mit zu hohen Vorstellungen des Unternehmenswertes in die Nachfolgeverhandlungen – fünf Prozent mehr als im Vorjahr. Überhöhte Unternehmenspreise stellen für den Nachfolger einen großen Ballast bei der Finanzierung und beim späteren Erwirtschaften des Kaufpreises dar. Beide Parteien sollten sich daher im Vorfeld ein genaues und realistisches Bild vom Unternehmenswert machen.
- Familieninterne Übergabe bevorzugt – Wunsch und Realität deutlich auseinander
Fast jeder zweite Unternehmer möchte seinen Betrieb gerne an einen Nachfolger aus der Familie übergeben. Doch wie die Realität zeigt, ist dies nur bei etwas mehr als jedem dritten Unternehmen der Fall. Daher muss der Senior-Unternehmer auch Alternativen wie z. B. den Verkauf an einen vertrauten Mitarbeiter oder an einen Existenzgründer in Betracht ziehen. Besorgniserregend ist, dass nach IHK-Erfahrungen mehr als acht Prozent der Unternehmen, die zur Übergabe anstehen, letztlich liquidiert werden.
- Notfallkoffer: Wichtig, aber kaum vorhanden
Nur etwas mehr als jeder vierte Unternehmer hat die im Notfall (z.B. schwerer Unfall oder Todesfall) zur Fortführung des Betriebes wichtigsten Unterlagen für Vertrauenspersonen griffbereit zusammengestellt. In diesen so genannten „Notfallkoffer“ gehören: Vollmachten, Vertretungsplan, Informationen zu Kunden- und Lieferantenstrukturen und eine Dokumentenmappe mit Bankverbindungen, Passwörtern sowie ein Testament. Ist dies nicht vorhanden, kann das für das Unternehmen ernsthafte Konsequenzen bis hin zur Schließung haben.
- Mittlere Unternehmen nutzen verstärkt IHK-Nachfolgeservice
Im Bereich Unternehmensnachfolge sind die IHKs neutraler Ansprechpartner sowohl für kleine als auch größere Mittelständler. So hat jedes zehnte Unternehmen mehr als 50 Mitarbeiter. Unternehmen aus Handel, Industrie sowie dem Hotel- und Gastgewerbe suchten am häufigsten die konkrete Übergabebegleitung bei den IHKs.