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GESELLSCHAFT FÜR WESTFÄLISCHE WIRTSCHAFTSGESCHICHTE
Vertrauen in der modernen Welt
„In der Moderne wird Vertrauen wichtiger, aber auch problematischer“, so die Historikerin Prof. Dr. Ute Frevert am Dienstag, 8. Februar 2011 beim Jahresvortrag der Gesellschaft für Westfälische Wirtschaftsgeschichte (GWWG) in der Industrie- und Handelskammer zu Dortmund. „Soziale Beziehungen und Begegnungen werden heutzutage immer komplexer und Vertrauen soll vor diesem Hintergrund entscheidungsfähig machen. Allerdings werden andererseits auch die Bedingungen, unter denen sich Vertrauen herstellt, komplizierter.“ Die Aktualität des Themas betonte der GWWG-Vorsitzende Joachim Punge vorab in seiner Einführung: „Der Begriff Vertrauen hat gerade für die Wirtschaft seit dem Ausbruch der Finanzkrise eine besondere Bedeutung erhalten.“
Gefühle sowie deren Bezüge und Bewertung ändern sich im historischen Kontext, das verdeutlichte Frevert ihren rund 350 Zuhörern einleitend an verschiedenen Beispielen wie Liebe, Angst und Trauer sowie letztlich Vertrauen. Dabei kritisierte sie den heutigen Vertrauensbegriff, der synonym zu benachbarten Begriffen wie Zuversicht und Verlässlichkeit genutzt wird: „Vertrauen ist eine persönliche Gefühlshaltung zwischen Menschen, die sich nicht auf Institutionen wie Banken oder Versicherungen übertragen lässt. Dieses persönlich-moralische Element ist Alleinstellungsmerkmal und trennt den Begriff Vertrauen von verwandten Wortbedeutungen“, so Frevert.
„Ihr facettenreicher Vortrag hat alle Teilbereiche des Vierecks Ökonomie und Kultur, Vertrauen und Moral berührt und sehr deutlich gemacht, dass das Verhältnis und die Gewichtung der einzelnen Kategorien in der heutigen Zeit durcheinander geraten sind“, betonte Dr. Karl-Peter Ellerbrock, Geschäftsführer der GWWG und Direktor des Westfälischen Wirtschaftsarchivs. Es sei deutlich geworden, dass Wirtschaft nicht im ökonomischen Reinraum stattfindet, sondern ein Kulturphänomen mit einer emotionalen Komponente ist. „Der Blick in die Geschichte zeigt, dass Wirtschaftskrisen meist mit einer Vertrauenskrise einhergehen“, so Ellerbrock.
Zur Referentin:
Ute Frevert, Jahrgang 1954, studierte an den Universitäten Münster und Bielefeld sowie an der London School of Economics. Nach der Habilitation 1989 war sie Professorin für Neuere und Neueste Geschichte in Berlin, Konstanz und Bielefeld und von 2003 bis 2007 Professorin für Deutsche Geschichte an der Yale University/USA. Seit 2008 ist sie Direktorin des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Sozial- und Kulturgeschichte der Moderne, Geschlechtergeschichte, Neue Politikgeschichte sowie Emotionsgeschichte. 1998 wurde Ute Frevert mit dem Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ausgezeichnet.
9. Februar 2011

