Bilden wir noch richtig aus?
Deutschland steckt noch mitten in einer Wirtschaftskrise – eine
Ausbildungskrise gibt es hingegen nicht. Selbst in diesem Jahr ist
es den Partnern des Ausbildungspaktes gelungen, jedem, der kann und
will, ein Angebot zu machen. Das ist eine gute Nachricht und keine
Selbstverständlichkeit. Hierfür möchten wir uns ausdrücklich bei
den vielen Unternehmen bedanken. Trotz dieser Erfolge in der
beruflichen Ausbildung sollten wir uns die Frage stellen, ob wir in
Deutschland nicht eine Neuorientierung in der Ausbildung benötigen.
Denn nach wie vor sind Absolventen gewerblich-technischer Berufe
unterrepräsentiert. Dies gilt sowohl für den Hochschulbereich als
auch für die berufliche Ausbildung.
Wir haben ein strukturelles Problem. Das zeigt ein Blick auf die
Statistik der gewählten Berufe im ersten Lehrjahr. An der Spitze
stehen mit Kaufleuten im Einzelhandel und Verkäufern sowie
Bürokaufleuten gleich drei kaufmännische Berufe. Und die
gewerblichen Berufe? Sieht man von dem Kfz-Mechatroniker ab,
rangieren die industriellen Fertigungsberufe Industriemechaniker
und Elektroniker gerade einmal auf dem 9. und 15. Platz der
Beliebtheitsskala. Dabei sind es doch gerade technische
Innovationen, die entscheidend die Wertschöpfung der deutschen
Wirtschaft bestimmen.
Insbesondere bei dem weiblichen Geschlecht liegt hier noch viel
Potenzial brach. Junge Frauen machen offenbar immer noch einen
Bogen um gewerblich-technische Ausbildungsberufe. Während die
Industriemechaniker und Elektroniker bei den Männern immerhin auf
Platz 2 und 5 liegen, reicht es bei den Frauen für Platz 18 und 23.
Dies ist nicht zufriedenstellend. Wir sind zu Recht stolz auf die
Leistungsfähigkeit unseres weltweit einmaligen dualen
Ausbildungssystems. Die im europäischen Vergleich geringe
Jugendarbeitslosigkeit spricht für sich. Dies lässt sich aber nur
halten, wenn die Ausbildung den Erfordernissen der Wirtschaft
folgt. Konkret heißt das: Wir brauchen mehr gewerblich-technische
Auszubildende.
Eine weitere Herausforderung ist die Integration von
Jugendlichen mit Migrationshintergrund und aus bildungsfernen
Schichten. Nur wenn wir dieses vielfach ungenutzte Potenzial für
die Berufsausbildung gewinnen, können wir dem sich abzeichnenden
Fachkräftemangel erfolgreich begegnen. Bis 2015 sollen 400.000
Fachkräfte fehlen. Die Politik hat die immense Bedeutung von
Bildung erkannt und will mehr investieren. Geld allein macht es
allerdings nicht – es muss auch richtig ausgegeben werden. Zum
Beispiel durch die Einbindung technischer Aspekte in
interdisziplinäre Schulprojekte, die Einführung der Schulfächer
Technik und Wirtschaft sowie mehr Praxisbezug im technischen und
naturwissenschaftlichen Unterricht.
Im Westfälischen Ruhrgebiet sind wir schon vorangekommen. Nach
erfolgreichem Start im Frühjahr ist die Initiative „Dortmund
Modell” (DoMo), deren Kooperationspartner die IHK ist, jetzt wieder
in die Offensive gegangen: Gesucht werden mittelständische
IT-Unternehmen, die sich mit Hilfe eines Stipendiums ihren eigenen
Mitarbeiternachwuchs sichern wollen. Auch mit der Gründung des
„Zentrum Bildungsregion Dortmund” im Rahmen der Initiative „Zukunft
durch Innovation” (zdi) soll das Interesse an Fächern im
MINT-Bereich – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik –
und den damit verbundenen Berufsfeldern bei Schülern verstärkt
werden.
Und strukturell stehen wir besser da: Erst vor einem Jahr
verkündete das Landeskabinett Nordrhein-Westfalens die Entscheidung
zur Errichtung der Hochschule Hamm-Lippstadt. Und mit dem Beginn
des Wintersemesters 2009/2010 hat die neue Hochschule bereits ihren
Betrieb aufgenommen. Rund 2.500 Studienplätze in den MINT-Bereichen
werden geschaffen. Als erste Studiengänge sind Energietechnik und
Ressourcenoptimierung in Hamm gestartet. Nutzen wir gemeinsam noch
mehr als bisher unsere Ressourcen der „besten Köpfe” im
Westfälischen Ruhrgebiet!
Ihre
Udo Dolezych, IHK-Präsident
Reinhard Schulz, IHK-Hauptgeschäftsführer