Scharz/gelb – gut für die Wirtschaft?
70 % der Bevölkerung haben abgestimmt. Viele Unternehmer werden
aufgeatmet haben, dass sich die durchgesetzt haben, die eher
überzeugt sind, dass nur die soziale Marktwirtschaft unsere
Wirtschaftsprobleme lösen kann. Denjenigen, die meinten, aufgrund
der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise eine neue Wirtschaftsordnung
unter staatlicher Lenkung installieren zu können, wurde eine klare
Absage erteilt.
Es kommt jetzt darauf an, dass die neue Regierung schnell die
Rahmenbedingungen für mehr Wachstum und Beschäftigung schafft.
Kritiker gibt es genug, die auch bei dem Stichwort „Wachstum” die
Nase rümpfen. Aber einen Beweis dafür, dass es ohne Wachstum zu
einem „gerechten Wohlstand” unserer Gesellschaft und der
globalisierten Welt kommen kann, hat keiner bisher vorlegen können.
Und man sollte auch über qualitatives Wachstum nachdenken
können.
Eine herausragende Aufgabe liegt in der Gestaltung der neuen
Steuerpolitik. Ein großer neuer Wurf wird wohl nicht möglich sein,
aber Unsinnigkeiten in der Unternehmens- und Erbschaftsbesteuerung
- Stichworte sind hier: Zinsschranke, Besteuerung von Kosten oder
Lohnsummenklausel und Haltefristen in der Erbschaftssteuer - sind
zu beseitigen. Dazu kommt, dass der sogenannte Mittelstandsbauch
bei der Einkommensteuer Leistung bestraft und motivationshindernd
ist. Zum Spitzenverdiener wird man heute bereits dann, wenn das
Einkommen das 1,5-fache des Durchschnittseinkommens erreicht – also
4.700 Euro. Vor 50 Jahren lag es noch beim 21-fachen.
Ganz oben auf der Prioritätenliste steht aber die Konsolidierung
der öffentlichen Haushalte. Bei zu erwartenden geringeren
Steuereinnahmen muss jeder Ausgabeposten einer strengen Prüfung
unterzogen werden, auch die Subventionen. Diese Politik gilt für
alle Haushalte, bis hinunter in die Kommunen. Auch die Haushalte im
IHK-Bezirk geraten aus dem Gleichgewicht. Besonders eklatant ist
die Lage in Dortmund. Die Bekanntgabe eines Haushaltslochs in Höhe
von 90 Mio. Euro einen Tag nach der Kommunalwahl schadet Ansehen
und Image der Stadt.
Der Arbeitsmarkt ist in der Rezession bisher erstaunlich robust.
Beigetragen haben hierzu die Abtragung von Arbeitszeitkonten und
die Belebung der Zeit- und Kurzarbeit. Eine grundlegende Änderung
des Kündigungsschutzgesetzes und der mit ihr verbundenen
Rechtsprechung wird auch bei einer Konjunkturerholung für
Unternehmer ein Wunsch bleiben. Kleine Veränderungen könnten aber
für die mittelständisch strukturierte Wirtschaft ein Anreiz sein,
feste Beschäftigungsverhältnisse einzugehen.
Ob wir wollen oder nicht, das Einkommensverhältnis zwischen dem
produktiven Teil der Bevölkerung und Empfängern sozialer Leistungen
muss neu geregelt werden. Jemand, der heute für 3.000 Euro brutto
arbeitet, bekommt lediglich 2.000 Euro netto ausbezahlt. So viel
erhält auch eine vierköpfige Familie an Sozialleistungen nach Hartz
IV. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Es geht auf keinen
Fall um Leistungskürzung für Bedürftige, aber derjenige, der
arbeitet, muss mehr haben als derjenige, der nicht arbeitet. Die
Haushalte für Soziales machen im Übrigen rd. 45 % aller Ausgaben
aus. Mehr kann wohl nicht gehen.
Flächendeckende Mindestlöhne würden zu einem Beschäftigungsabbau
führen. Bei einem Mindestlohn von 7,50 Euro drohen über eine
Million neue Arbeitslose, wie das Ifo-Institut prognostiziert. Der
Verzicht auf Mindestlöhne verringert das Armutsrisiko und sichert
Stellen.
Eine große Baustelle ist auch unsere Gesundheits- und
Rentenpolitik. Gesundheitsfonds – Rente mit 67 –
Eigenverantwortung: ja oder nein, und wenn ja, wie. Diese Fragen
verlangen ehrliche Antworten und Politiker, die diese
Herkulesaufgabe anpacken.
Ihre
Udo Dolezych, IHK-Präsident
Reinhard Schulz, IHK-Hauptgeschäftsführer