Wie viel zusätzlichen Staat verträgt der
Markt?
Um die Volkswirtschaften rund um den Globus angesichts des
wirtschaftlichen Abschwungs wieder anzukurbeln, haben derzeit
Konjunkturprogramme Hochkonjunktur. Nicht nur Industriestaaten wie
die USA, Frankreich, Spanien, das Vereinigte Königreich oder
Deutschland, sondern auch viele Schwellen- und Entwicklungsländer
stellen enorme Summen bereit, um den Auftragseinbrüchen
entgegenzuwirken. Wenn das Geld vernünftig eingesetzt wird, ist in
der augenblicklichen Situation dagegen zunächst nichts einzuwenden:
Es soll für Beschäftigung und neues Wachstum in der Volkswirtschaft
sorgen.
Ein Sonderfall im Rahmen der staatlichen Aktivitäten sind die
Schutzschirme zur Rettung des Finanzsystems. Es wird gefährlich,
wenn der Staat sich bei Banken durch Beteiligungen oder gar
Enteignungen als vermeintlicher Retter in der Not in die
Privatwirtschaft schleichend einkauft. So etwas kann ohnehin nur in
Betracht kommen, wenn der Ausfall eines solchen systemischen
Unternehmens die Volkswirtschaft insgesamt in erhebliche
Schwierigkeiten bringen würde. Selbst dann darf der Eingriff nur
erfolgen, wenn privatwirtschaftliche Optionen ausgeschöpft worden
sind. Und der Staat muss bereits vor einer solchen Maßnahme eine
Ausstiegsstrategie in Richtung Re-Privatisierung festlegen.
Politiker fordern jetzt, dass der Staat auch in die Realwirtschaft
eingreifen soll. Aber Erhaltungssubventionen für Unternehmen, die
keine Zukunft haben, sind abzulehnen. Vor allem darf der Staat sich
hier nicht selbst unternehmerisch betätigen. Zudem wäre für alle
staatlichen Maßnahmen eine europäisch abgestimmte Vorgehensweise zu
wünschen; denn nur so könnte auch ein Subventionswettlauf vermieden
werden. Weniger gesprochen wird aber über den Schuldenberg, der bei
allen staatlichen Maßnahmen zur Stabilisierung unserer Wirtschaft
entsteht. Notwendig ist ein Plan, der nicht nur die Zinsen
berücksichtigt, sondern den Schuldenberg auch wieder reduziert.
Das erneut „leichte Geld” zur Ankurbelung der Wirtschaft ist ein
Thema für weitere Diskussionen. Angesichts der Schuldenlasten, die
sich der Staat jetzt zur Krisenbekämpfung aufbürdet, muss die Frage
lauten: „Wie viel zusätzlichen Staat verträgt überhaupt der
Markt?” Eine Rückbesinnung auf die Eckfeiler der Sozialen
Marktwirtschaft ist dabei unumgänglich: Denn nur eine im
Wesentlichen von der Privatwirtschaft geprägte Wirtschaftsordnung
wird auf Dauer für Wohlstand und Gerechtigkeit sorgen können.
Reflexhafte Äußerungen zugunsten stärkerer wirtschaftlicher
Betätigung des Staates aufgrund der Krise dürfen nicht darüber
hinweg täuschen, dass privat zu erledigende Aufgaben fast immer zu
besseren und effizienteren Ergebnissen führen. Nur die Aufgaben zur
„Daseinsvorsorge” rechtfertigen aus sich heraus staatliche
Betätigung.
Die Aufgabe des „starken” Staates, den der absurderweise immer
wieder gescholtene Neoliberalismus ja gerade fordert, ist es also:
Für Stabilität zu sorgen, Märkte mit fairem Wettbewerb zu schaffen
und besonders durch Kontrolle zu verhindern, dass sie wieder
entgleisen. Dem Grundsatz „Privat vor Staat” oder besser
ausgedrückt „Möglichst viel Markt, möglichst viel Privat vor Staat”
sollten wir auch in Zukunft folgen. Gerade die Währungshüter und
staatliche Banken haben die aktuelle Krise im Wesentlichen
ausgelöst. Auch Politiker hätten die Kontrollpflichten besser
wahrnehmen und den Aufsichtsrahmen anders abstecken müssen. Sie
weisen jede Verantwortung von sich und werfen stattdessen dem Markt
- oder der Sozialen Marktwirtschaft -Versagen vor.
Ihre
Udo Dolezych, IHK-Präsident
Reinhardt Schulz, IHK-Hauptgeschäftsführer